Von Franz-Josef Schmitt, ehemaliger Landesvorsitzender der Piratenpartei Deutschland Berlin
Autoritäten waren nicht so Brunos Ding. Insbesondere dann nicht, wenn Autorität mit Dogmatismus arbeitete: mit Aussagen, die einfach gesetzt werden und die nicht mehr hinterfragt werden sollen.
Religion war dafür ein Beispiel. Glaube ist keine wissenschaftliche Aussage – die Existenz Gottes lässt sich wissenschaftlich weder beweisen noch widerlegen. Aber wo aus Religion der Anspruch entsteht, anderen Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben, beginnt genau der Dogmatismus, gegen den Bruno sich gewehrt hat.
„Gottes Tod“, einer der bekanntesten Titel von „Das Ich“, kann man deshalb auch als Rebellion gegen eine knechtende Religion lesen. Nicht einfach als Nihilismus nach Nietzsche, sondern als Freiheitskampf: als Versuch, sich der Fesseln zu entledigen, die Autoritäten und ihre Dogmen dem Menschen auferlegen.
1989, im Jahr der Wende, gründeten Bruno Kramm und Stefan Ackermann „Das Ich“. Ihre Musik traf den Nerv einer Jugendbewegung, die sich nicht einordnen lassen wollte. „Das Ich“ gehörte Anfang der 1990er Jahre zu den prägenden Bands der Neuen Deutschen Todeskunst, setzte musikalisch und ästhetisch Maßstäbe und wurde weit über Deutschland hinaus bekannt. Bruno gründete mit Danse Macabre zudem sein eigenes Label und schuf damit nicht nur für die eigene Musik, sondern für viele Künstler der Gothic-, Electro- und Dark-Wave-Szene einen Ort, an dem etwas Neues entstehen konnte.
Freiheit, Menschenwürde und Teilhabe
Diese Prinzipien habe ich zwischen den Zeilen von „Das Ich“ lesen können. Und das vertrat Bruno sein Leben lang: als Musiker, als Produzent, als Vertreter der Rechte von Musikern und Urhebern, als Politiker. Und natürlich als Mensch. Als Freund. Als jemand, auf den man sich verlassen konnte.
Vielleicht war es deshalb fast folgerichtig, dass Bruno irgendwann bei uns Piraten landete. Das Urheberrecht war eines seiner großen Themen. Er kannte es eben nicht nur aus der Theorie. Er wusste als Komponist, Produzent und Labelbetreiber sehr genau, was es bedeutet, wenn andere über die Rechte von Kreativen verfügen und wenn aus jahrzehntelang eingeübten Verfahren plötzlich scheinbar unverrückbare Wahrheiten werden.
Eine solche Wahrheit war die pauschale Beteiligung von Musikverlagen an Ausschüttungen der GEMA.
Bruno und Stefan Ackermann hatten ihre Musik über Danse Macabre selbst veröffentlicht. Trotzdem wurden im Verteilungssystem der GEMA Verlegeranteile von den den Urhebern zustehenden Vergütungen abgezogen. So war das eben über viele Jahre gemacht worden. Eine Regel war zur Selbstverständlichkeit geworden.
Ein Dogma.
Bruno gab sich damit nicht zufrieden.
Gemeinsam mit Stefan brachte er die Sache vor Gericht. Und damit hat er etwas gezeigt, was mich an ihm immer beeindruckt hat: Man muss Autoritäten nicht einfach akzeptieren. Wir haben Gesetze, Gerichte und eine Gewaltenteilung gerade deshalb, damit Entscheidungen überprüft werden können. Exekutive, Legislative und Judikative sind getrennt. Auch eine mächtige Institution kann vor Gericht unterliegen.
2016 entschied das Kammergericht Berlin zugunsten von Bruno Kramm und Stefan Ackermann: Die GEMA durfte Verleger nicht pauschal an den Einnahmen der Urheber beteiligen, wenn dafür keine entsprechende rechtliche Grundlage bestand. Nachdem der Bundesgerichtshof 2017 die Nichtzulassungsbeschwerde der GEMA zurückgewiesen hatte, war diese Entscheidung rechtskräftig. Die Folgen gingen weit über Bruno und Stefan hinaus. Die GEMA musste ihre bisherige Praxis überprüfen und für zurückliegende Jahre ein umfangreiches Verfahren zur Rückabwicklung organisieren. Es ging um Ansprüche in einer Größenordnung von mehreren hundert Millionen Euro.
Das war Bruno: nicht nur erklären, warum etwas ungerecht ist. Nicht nur darüber schimpfen. Sondern genau hinschauen, verstehen, wo der Fehler liegt – und dann etwas Konstruktives dagegen tun.
Ich habe Bruno nicht nur als Politiker erlebt. Wir saßen gemeinsam im Landesvorstand der Berliner Piraten. Er war Vorsitzender der Piraten Berlin und führte 2016 unsere Landesliste zur Abgeordnetenhauswahl an.
Aber wichtiger als Ämter und Listenplätze war für uns immer die Freundschaft.
Er konnte streiten. Er konnte provozieren. Er konnte unglaublich hartnäckig sein. Aber hinter all dem stand ein Mensch, dem Freiheit nicht als abstrakter politischer Begriff genügte. Freiheit musste gelebt werden. Und sie musste immer wieder verteidigt werden.
Und unsere Verbindung blieb nicht auf Politik und Musik beschränkt. Bruno war genauso begeistert von Technik, Wissenschaft und den Möglichkeiten, die entstehen, wenn man einfach anfängt, Dinge auszuprobieren. Als er mit Infinite Devices an neuen IoT- und KI-Anwendungen arbeitete, lud er mich zu einem Hackathon ein. Es ging ganz praktisch darum, Sensoren mit einem Raspberry Pi zum Laufen zu bringen, Daten auszulesen und daraus etwas Neues zu entwickeln. Was damals spielerisch und experimentell begann, hat meine eigene wissenschaftliche Arbeit bis heute geprägt. Die Verbindung von Sensorik, Datenanalyse und künstlicher Intelligenz ist inzwischen ein wichtiger Teil meiner Forschung in der Algenbiotechnologie. Auch danach saßen Bruno und ich immer wieder zusammen, haben über Quantenphysik philosophiert, über technische Ideen gesprochen und überlegt, welche gemeinsamen Projekte daraus entstehen könnten. Genau diese Neugier gehörte zu ihm: Grenzen zwischen Musik, Technologie, Wissenschaft und Gesellschaft waren für Bruno keine Mauern, sondern Einladungen, darüber hinwegzudenken.
Am 25. September 2026 stand Bruno noch einmal mit „Das Ich“ auf der Bühne. In der Sala Planta Baja in Granada spielten Bruno Kramm und Stefan Ackermann ihr erstes Konzert im Süden Spaniens. Kurz nach dem Auftritt kam es zu einem medizinischen Notfall. Bruno brach zusammen und reagierte nicht mehr. Polizei und Rettungsdienst wurden gerufen; die Rettungskräfte konnten schließlich nur noch seinen Tod feststellen. Er wurde 58 Jahre alt. Die genaue Todesursache ist bislang nicht öffentlich geklärt.
So plötzlich ist Bruno aus dem Leben gegangen. Kein langer Abschied, kein langes Leiden. Noch am selben Abend hatte er auf der Bühne genau das getan, was sein Leben über Jahrzehnte geprägt hatte: Musik gemacht. Eine Musik, in der es um Freiheit, um Würde, um das Aufbegehren gegen vermeintliche Gewissheiten und um die Freiheit des Menschen ging, seinen eigenen Weg zu gehen.
Bruno hinterlässt seine Frau und seine beiden Kinder. Seiner Familie, seinen Freunden und allen Menschen, die ihm nahestanden, gilt unser Mitgefühl.
Wir werden dich vermissen, Bruno.
Als Musiker. Als Pirat. Als Freund.
Was du hinterlassen hast, bleibt. Deine Musik sowieso. Aber auch die Haltung dahinter: Autoritäten zu hinterfragen, Dogmen nicht hinzunehmen und Freiheit nicht für selbstverständlich zu halten.
Und vielleicht ist genau das die Aufgabe, die bleibt: dafür zu sorgen, dass ein kleines Stück von dem, wofür du gekämpft und worüber du Musik gemacht hast, immer wieder Realität wird.
Freiheit. Menschenwürde. Teilhabe.
Mach’s gut, Bruno.